Juli 2012
Editorial
Modellbausommer.

Nachdem wir nach langen Jahren endlich mal wieder einen richtig schweizerischen Juni mit anständigem Dauerregen geniessen konnten, schlich sich doch ganz unerwartet wieder die Freude am Modellbau ein. Als wären die langen Winterabende schon ein bisschen vorweggenommen worden. Welche Therapie habe ich denn genossen, dass dieses Modellbahnfieber so plötzlich, nach Jahren des Vermissens und Nichtwiedererlangens, dieses Modellbahnfieber ganz unvermittelt wieder ausbricht?

Tja, da bin ich doch neulich mal wieder unter einen abgestellten Bahnwagen gekrochen, habe Masse abgenommen, seitenweise Notizen gemacht, zahllose Details fotografiert, und wer weiss - vielleicht habe dabei ein bisschen Schmierfett geraucht, und an den mit Teeröl imprägnierten Holzschwellen gesnifft, die in der flirrenden Sommerhitze aromatisch und schwärzlich vor sich hin schwitzten und ihr schweres Leben aus Eichenholz, Karbolineum und Kleineisen im heissen Gleisschotter atmeten. Und ich zog mir eine Warnweste über und lungerte an stark befahrenen Bahngleisen herum, um halb verfallene Schrankenwärterhäuschen zu vermessen, bei denen sich schon längst niemand mehr erinnern mag, seit wann die dort standen, und wenn sie innert Kürze verwunden sind, wird sie vermutlich keiner vermissen - weil sich längst niemand mehr auf eine unscheinbare Holzhütte, von Brombeergestrüpp und wilden Reben überwuchert, dort an der Strassenecke achtet. Wenn das Häuschen dereinst als kleines schmuckes Modell auf meiner Anlage steht, ebenfalls mit Brombeerranken halb überwachsen, dann kommt vielleicht doch noch etwas Wehmut an jene fernen alten Zeiten auf, die weder besser noch schlechter waren. Aber da gab es weniger Einwohner, und dennoch waren da mehr Menschen, weniger Automatik, weniger Anonymität.

Nun sitze ich also endlich mal wieder mit Musse an meiner alten, wackeligen Werkbank, und fabriziere winzige mechanische Elemente für eine Zahnstangenweiche. Gross waren die Schaffenspausen in den vergangenen Jahren, aber wie ein guter Wein muss auch die Kunst reifen - die Musse kommt nur mit der Musse.

Die Zeit dazu, nein, die gibt einem keiner. Umso wichtiger ist es, dass man sich diese Zeit selber nimmt, und sich nicht mit sinnlosem Breitband und 3D-HDTV, Eifounes, Schwartfounes, Schweizer Fernsehen und all den zahllosen weiteren Epidemien und Auswüchsen der schönen neuen Zeit einlullen lässt, sondern selbst etwas Neues schafft, was sich keiner herunterladen oder schwarzkopieren kann. Alte Liebe rostet nie. An die Arbeit, also!

Daher wünscht Euch einen angenehm kühlen, regelmässig verregneten, und daher umso kreativeren Modellbausommer -
Euer Aernschd.
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© 2012 Ernst Furrer, Seite geändert am 11.7.2012